Schlau oder weise (bewegen)? / To move cleverly or sagely?

In meinem Bowspring-Studio in Berlin-Wedding habe ich seit nun schon 1 Jahr einen Feldenkrais-Kurs beherbergt, der von Sonja Augart geleitet wird. Bowspring und Feldenkrais? – Kenner der Materie könnten sagen: Sind nicht beide Methoden einander ihr Gegenteil? Der Bowspring arbeitet mit Kraft, er will Muskel- und Fasziengewebe tonisieren und über Zug und Druck den Körper unter Spannung pulsierend bewegen. Dabei soll eine bestimmte Idee des kurvigen Körpers in dessen Wechsel von Lordosen und Kyphosen, konkaven und konvexen Bögen in der Praxis und auch für viele Situationen im Alltag als verbindlich gelten. Schauen wir auf Desi Springer, so sehen wir einen Körper aus Kraft, schönen Kurven und Bögen und bestechlicher Flexibilität – alles im Rahmen einer als ideal und nachhaltig vorgestellten Körperausrichtungs- und Bewegungsweise.

Schauen wir auf einen Feldenkrais Practitioner, so sehen wir schon rein äußerlich einen anderen Körper. Er ist weicher, tonusmäßig. Etwas schlacksig könnte man wertungsfrei sagen oder zumindest nicht so durchtrainiert wie der Körper des Bowspringers. Sonja sagte mir ganz am Anfang unseres Bekanntwerdens, dass ihr als Tänzerin das Konzept der Anstrengungslosigkeit im Feldenkrais gefallen hat. Im Tanz war vieles anstrengend. Praktizierst du Feldenkrais, hörst du immer wieder: Mach es leicht, einfach, fädele ein, spiele, probiere aus, nimm die (unbewusste) Spannung aus den vorderen Rippen, ja aus den Kurven. Und schließlich: „Lass dein Becken hängen!“, ein Affront für den Bowspringer, der so verliebt ist in seine Lordosen, die ihm seine (extrem-) dynamische Aufrichtung versprechen. Ist der Feldenkraisler derjenige, der weniger macht, sondern einfach intuitiv tut? Folgt er keiner Grundidee von Körperlichkeit als nur der Prämisse leicht soll es sein? Ein Grundprinzip aber des Bowsprings ist lightness!

Was nun? Ich komme zurück auf den Titel dieses kleinen Blogartikels – schlau oder weise (bewegen)? Schlau ist es meines Erachtens, einem Bewegungsangebot, das dich erreicht, sei es Bowspring oder Feldenkrais, vollständig zu ergreifen, zu studieren und zu verstehen. So dass du einmal ganz Herr der Methode und der ihr zugrunde liegenden Prämissen wirst. Du bist auskunftsfähig, weil du vertrauensvoll eine Erfahrung an dich heran gelassen hast. Du stehst in einer Sache wie ein Professor in seinem Fach. Du hast auch Gefallen daran. Mir hat Bowspring viel gebracht, es hat mich verändert und ganz neu aufgestellt. Bin ich deshalb weise geworden, wenn wir die Weisheit als Ziel des Lebens ansprechen wollen – oder bin ich doch nur schlau geblieben?

Weise zu sein bedeutet zu erkennen, dass der Mensch – positiv gesagt – immer mehrere Optionen hat. Oder anders: Er ist nie vollständig, solange er in der Polarität der Welt beheimatet ist. Das ist schwer aushaltbar für das Ego des Menschen: Die Vorstellung, dass neben meiner Überzeugung noch eine andere vorhanden ist, die mindestens ebenso viel Gültigkeit hat wie die meinige. Dass sogar die Möglichkeit besteht, dass das Andere meine ursprüngliche Identifizierung überlagert oder gar in Frage stellt. Halte ich an der Polarität fest, bekomme ich ein Problem.

Weise zu sein bedeutet, die Polarität der Dinge, das gleichzeitige Vorhandensein von Verschiedenem auszuhalten und nicht als Bedrohung zu begreifen. Gott sieht alles auf einmal, und braucht keine Ent-scheidung zu treffen. Er kennt das Puzzle in seiner Gesamtheit. Der Mensch jedoch bedient sich seines analytischen Geistes, und unter-scheidet die Dinge: Brauche ich Muskelkraft für Bewegung oder nicht? Ist das „Hohlkreuz“ gut oder schlecht? Soll ich mich anstrengen und den Puls hochfahren oder nach nach Leichtigkeit streben? Wer definiert Natürlichkeit?

Der Mensch möge schlau sein, um weise werden zu können. Sein Lebensweg ist voller Erfahrungen, die integriert werden möchten, um ein Bild von sich und den Zusammenhängen im Ganzen zu erlangen. Er möge das eine vollständig tun, wissend um das andere. Er möge ergreifen und loslassen. Es ist wichtig, sich für etwas zu entscheiden. Es ist wichtig, aufgeschlossen zu bleiben gegenüber weiteren Teilen desselben Puzzles.

 

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