der weisheitliche Grund / 23.7. – 29.7.2018

Jeder hat sicher schon einmal eine Lektüre erlebt, die ihm einen heilsamen Nachgeschmack verschaffte. Als wäre man etwas enthoben von den üblichen Gefilden und in den größeren Strom der Welt und Überwelt eingebettet worden. Dafür reicht sicher kein Sachbuch hin und keine Zeitung. Die Lektüre muss trefflich gewählt sein und einen Atem verspüren lassen, der die begrenzende, pure Zeitgenossenschaft übersteigt. Manches Gedicht ist dazu in der Lage, eine heilige Schrift, die ja per se inspiriert ist, das heißt zuerst gehört und dann niedergeschrieben wurde. Ein Mensch wurde zu einem Kanal für Worte, die nicht nur aus ihm selbst und dem Diskurs seiner jeweiligen Gesellschaft stammen, sondern ihm von weiterer Dimension her zuflossen und sich Ausdruck verschafften.

 

Es scheint heute schwer, sich derartig zu befreien, dass man mehr sieht und hört als das gerade praktisch Notwendige. Räume, die Seele frei zu geben, sind knapp geworden in einer Welt aus Ökonomie und Effizienz. Die Hast nach dem Einträglichen verdrängt den Ort der Muße und des Gehörs nach Übersinnlichem. Was, angenommen nun, wenn dieses Übersinnliche der eigentliche Grund aller Dinge ist? Wenn von dorther, wo die Seele nachhaltig Nahrung erfährt, der Zusammenhalt der Welt seinen Urgrund hat? Welch ein Luxus ist es geworden, einem stillen und gleichmäßigen Atem zu frönen.
Die Sommermonate bieten uns jedoch eine gewissen energetisch-klimatischen Raum, in dem wir uns rekreieren können auf unsere weisheitlichen Wurzeln hin. Eine Schrift etwa, die aus der Weisheit der Jahrhunderte ihren Reichtum verschenkt, kann ein Tool sein, mit dessen Hilfe sich unsere Seele aufschwinge in die heilenden Gefilde jenseits von Raum und Zeit. So lese ich heute mit Gewinn die Geschichten der Chassidim von Martin Buber. Es sind Erzählungen, die die spirituelle Höhe der osteuropäischen Rabbis aus mehreren Jahrhunderten spiegeln. Ein Beispiel sei hier gegeben:
„Es wird erzählt: „Wenn Rabbi Schlomo Tee oder Kaffee trank, pflegte er ein Stück Zucker in die Hand zu nehmen und es darin zu halten, solange er trank. Einmal fragte ihn sein Sohn: ‚Vater, warum tust du das? Brauchst du den Zucker, so steck ihn doch in den Mund, brauchst du ihn aber nicht, so nimm ihn doch nicht in die Hand!‘. Nachdem er ausgetrunken hatte, gab er dem Sohn das Zuckerstück und sagte: ‚Koste es!‘ Der Sohn nahm es in den Mund und erstaunte; denn es war kein Rest von Süßigkeit darin geblieben. 
 
Wenn der Sohn später davon erzählte, sagte er: ‚Bei wem alles eines ist, der kann mit der Hand wie mit der Zunge schmecken“.

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