denn sie sind selber auferstanden / 2.4. – 8.4.2018

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche

Durch des Frühlings holden, belebenden Blick;

Im Tale grünet Hoffnungsglück;

Der alte Winter, in seiner Schwäche,

Zog sich in rauhe Berge zurück.

Von dorther sendet er, fliehend, nur

Ohnmächtige Schauer körnigen Eises

In Streifen über die grünende Flur;

Aber die Sonne duldet kein Weißes:

Überall regt sich Bildung und Streben,

Alles will sie mit Farben beleben;

Doch an Blumen fehlt’s im Revier,

Sie nimmt geputzte Menschen dafür.

Kehre dich um, von diesen Höhen

Nach der Stadt zurückzusehen.

Aus dem hohlen finstern Tor

Dringt ein buntes Gewimmel hervor.

Jeder sonnt sich heute so gern.

Sie feiern die Auferstehung des Herrn,

Denn sie sind selber auferstanden,

Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,

Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,

Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,

Aus der Straßen quetschender Enge,

Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht,

Sind sie alle ans Licht gebracht.

Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge

Durch die Gärten und Felder zerschlägt,

Wie der Fluß, in Breit‘ und Länge,

So manchen lustigen Nachen bewegt,

Und bis zum sinken überladen

Entfernt sich dieser letzte Kahn.

Selbst von des Berges fernen Pfaden

Blinken uns farbige Kleider an.

Ich höre schon des Dorfs Getümmel,

Hier ist des Volks wahrer Himmel,

Zufrieden jauchzet groß und klein;

Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.

*

Goethe, aus dessen Faust dieser eingängige Text entnommen ist, war mit Sicherheit kein Freund der Kirche, und trotzdem gelingt es ihm, den Kern des Christentums, die Auferstehung, mit dem natürlichen Drang des Menschen nach Erneuerung und Verlebendigung zu verschränken. Hat der Mensch in der ehrfürchtigen Nacht des Tempels den Übergang von Dunkelheit zu Licht ritualistisch und geistlich zelebriert, erfährt er nun im Gang durch die erwachende Natur körperlich und weltlich seinen Moment der Befreiung. Wie ein Mystiker entgrenzt Goethe das, was im rein religiösen Diskurs entfaltet wird, hinein in alle Bereiche des Lebens und des Menschen. Denn würde nicht jeder Mensch, ob er religiös ist oder nicht, nicht doch zustimmen und sagen: Ja, eine Auferstehung würde ich gerne einmal erleben! Ein Auferstehen aus meinen Engen und Nöten, aus meinen Sorgen und Ängsten. Ja, ich würde auch gerne einmal auferstehen und neu beginnen, vieles hinter mir lassen, was verbraucht ist, mein Leben ändern oder diesem zumindest eine neue Richtung geben, auf dass ich mich am Leben erfreue. Auferstehung bedeutet Freiheit. Im Religiösen vermittelt durch einen Gott, der den Menschen von allem Dunkel entbindet, indem er das Dunkle an sich selbst aufopfernd abträgt. Im naturhaft-paganen Diskurs im Wechsel der Jahreszeiten, im Durchbruch des Sonnenlichtes, im Aufkeimen von Flora und Fauna, an der wir  – spaziergängerisch, wie Faust -, teilhaben können.

Das Yoga ist per se ein mystischer Brückenschlag über alle echten und ehrwürdigen Bemühungen des Menschen, sich zu befreien oder befreien zu lassen. Es will vielmehr eine innere Haltung in uns entdecken, die uns überhaupt in die Richtung denken und fühlen lässt, dass wir Anspruch und ein in uns angelegtes Gut haben auf Zufriedenheit, Freiheit und Freude hin. Und dass die körperliche und seelische Öffnung, die wir in der Praxis erfahren, uns schon ein Lied davon singt. Yoga stiftet ein Glück in der Tiefe des Menschen, das eine Ahnung freisetzt von dem, was Leben ganz eigentlich ist und sein könnte oder auch sogar sein müsste.

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