[Anschreiben an die Teilnehmer des Bowspringlehrer-Treffens in München Januar 2018]

ABC der 10 Schlüsselaktionen + Wim Hof + Buteyko

John Friend war es von Anfang an wichtig, den von Desi Springer inspirierten Bewegungsablauf theoretisch zu klären und zu formen, in der Hinsicht, dass für viele Menschen ein Zugang zum Bowspring möglich würde. John ist der Überzeugung, dass es möglich ist, ein kohärentes, d.h. in sich stimmiges System zu generieren, das so wie es ist funktioniert und keiner Abänderung bedarf (vgl. den Passus zur Hybridisierung im Teacher Licensing). Dies war und ist nicht immer einfach, da der Stil in seiner liquiden Grundannahme und seiner infolgedessen intuitiven und kreativen Zugangsweise sich gern gemachter Festschreibungen entzieht. Trotzdem gelang es über die letzten vier Jahre, ein ABC der Schlüsselaktionen zu verfassen, das verbindlich ist für die Methode des Bowsprings. Dieses ABC, auch Bowspring-Algorithmus bezeichnet, sei im folgenden wiedergegeben. Meine Übersetzung folgt relativ stringent dem Original der Gründer.

Beachtet bitte, wie die verschiedenen Schlüsselaktionen auch ineinander spielen und sich gegenseitig bedingen (zum Beispiel die Domisierung der Handmitte und das Zueinander der Handballen = 2b+c).

ABC der 10 Schlüsselaktionen

0 Volles Bewusstsein des CENTRAL CHANNEL/Tube/Core und von dort aus des gesamten Körperfeldes. Fühle den Puls des Atems und das Bewusstsein von Himmel und Erde, auf und ab durch die gesamte Körperlänge von der Krone des Kopfes bis zu den Spitzen der Zehen.

Beatme den gesamten Zentraltunnel, ein entsprechend der Wirbelsäule geschwungener Tunnel, vom Beckenboden hinauf bis zur Kopfkrone. (Core ist im Bowspring dieser gesamte Bereich, nicht nur ein Ausschnitt um den Solarplexus herum).

1 RADIANT HEART

a) zirkumferentielle (d.h. allseitige) Ausweitung – mit Ausbreitung der seitlichen Rippen

b) Weite den Rücken (oben + unten) und öffne die Vorderseite des Brustkorbs

c) Hebe den Brustkorb, weg von der Erde

2 HÄNDE

a) weiche („curled“) Finger, die letzten Gelenke jeweils vertieft/ausgehöhlt

b) hohler zentraler Handteller

c) Anspannung und Annäherung der Handballen, Weitung der Oberseite der Hand und Aushöhlung der Handgelenke

3 ARME

a) Ausweitung – Ellbogen zur Seite

b) vorwärts – vor die Rippen

c) auswärts – ausfahren der Arme vom Zentrum des Brustkorbs her

4 SCHULTERN

a) Expandiere in der Spannbreite – Schulterblätter und Schlüsselbeine expandieren gleichermaßen zu den Seiten

b) Expandiere in der Tiefe – öffne die Vorder- und die Rückseite voneinander

c) aufwärtsgerichtetes Schweben – expandiere und strecke die Schultern Richtung Kopfkrone ausgehend vom Radiant Heart

5 FÜßE

a) weiche Zehen behutsam gebogen – letzte Gelenke vertieft

b) Das Zentrum der Pfote/Tatze ist hohl – nähere das transversale Gewölbe einander an (großer Zehballen zu kleinem Zeh) – weite die Oberseite der Pfote (des Fußrückens)

c) Grabe-ziehe („dig-drag“) – vertiefe den Fußknöchel/Fessel

6 BEINE

a) Kniee vorwärts und hoch

b) Kniee Richtung Mittellinie. Weite das obere Ende der Oberschenkel

c) Kniee weiten zu den Seiten

7 HÜFTEN

a) nach hinten – Leisten und Gesäßmuskelansatz tief zurück (waagerecht), Beckenboden und Gesäßknochen auf einer Ebene

b) nach außen – Gesäßknochen und Oberschenkelknochen weit

c) Aufwärts und nach innen Richtung Mittellinie – von den äußeren Gesäßmuskelansätzen hinauf Richtung Kreuzbein und oberes Zentrum des Beckens

8 TAILLE

a) Befüllen der inneren Röhre der Taille

b) Vorwärts und hoch – einen Bogen erzeugend

c) Konisieren – nach innen Richtung Mittellinie und aufwärts Richtung Kopfkrone

9 NACKEN

a) Befüllen der inneren Röhre des Halses – lang und offen

b) Vorwärts und hoch – einen Bogen erzeugend

c) Konisieren – nach innen Richtung Kopfkrone

10 KOPF

a) Expandiere energetisch das Innere des Kopfes bei horizontalem Blick. Weite den Gaumen

b) hoch und zurück – vom Kinn zur rückwärtigen Kopfkrone

c) Progressiv und hoch – Intention nach vorn von Kopfkrone und 3. Auge

*

Zu zwei Atemkonzepten, die der Bowspring u.a einbindet:

a) Wim Hof (Hyperventilation und der angehaltene Atem im Fokus des Geistes)

Wim Hof ist kein Wissenschaftler, sondern ein spiritueller Sucher. Er hat sich mit dem klassischen Hatha-Yoga beschäftigt, ist aber vor allem bekannt geworden durch seine vielen Rekorde, die er durch Aussetzung seines Körpers in kaltem Gelände aufstellte. Er ist bekannt als der „Iceman“, weil er fast unbekleidet Berge besteigt oder in Eiswüsten des Nordens Marathons läuft. Berühmt geworden ist sein Versuch, ohne entsprechende Ausrüstung meterdickes Eis zu durchtauchen, wobei ihm bei einem ersten Versuch Teile des Auges einfroren und er den Ausstieg nicht mehr finden konnte. Was er nun beschreibt, zielt auf das eigentliche Anliegen seines Lebensprojektes: In diesem Moment der Verlorenheit geriet er nicht in Panik, sondern wurde innen ganz ruhig. Sein Geist war in einen tiefen Frieden gebettet. Wim Hof sucht in extremen Situationen die Stärke des fokussierten Geistes einzubringen, um die zum Teil lebensgefährlichen Situationen zu bestehen. Es sind gerade jene Extrema, die ihn zu tief verankerter innerer Ruhe tragen. Wo andere Menschen in Stress geraten aus Angst um ihr Leben, beruhigt Wim Hof seinen Puls und hält seine Körpertemperatur stabil – durch geistigen Fokus. Aber auch durch bestimmte, vorbereitende Übungen körperlicher und atemtechnischer Art. Seine Atemmethode, die darauf hinzielt, möglichst lange friedvoll die Luft anhalten zu können, wollen wir an diesem Wochenende üben. [s. MP3-Datei im Anhang]

b) Dr. Konstantin P. Buteyko (die willentlich Kohlensäure ansammelnde, verminderte Atemweise = der Lufthungeratem)

Gesellschaftliche Bedingungen haben nicht nur unsere Körperhaltung verändert, sondern auch unser Atmen. Was wir als Kind besaßen, eine kontinuierliche, ruhige Bauchatmung, ist dem Erwachsenen nicht mehr unbedingt verständlich. Er hechelt, schnauft, schnarcht, hyperventiliert, atmet kurz und flach und viel zu viel. In Sondersituationen, die unseren Einsatz fordern, ist dies auch angebracht: schnell und flach zu atmen. Leider sind die Sondersituationen zum Regelfall geworden. Stress, der als natürlicher Faktor des Lebens Kräfte bereit stellt für Flucht und Kampf, ist der Alltag des Menschen geworden. Die Sonderatmung gerät zum Normalverhalten und damit zur Erkrankung. Hintergrund der natürlichen Atemweise nach Buteyko ist eine Neubewertung des Atemgases Kohlendioxid. Der von Christian Bohr, einem dänischen Physiologen, im Jahr 1904 entdeckte Effekt – der Bohrsche Effekt – besagt, dass sich durch eine höhere Konzentration des Kohlendioxids bzw. der Kohlensäure im Blut der Sauerstoff vom Hämoglobin leichter trennt und die Gewebe, Zellen und Organe erreicht. Je saurer das Blut, desto mehr Ausschüttung von Sauerstoff. Ist zuviel Kohlendioxid abgeatmet, wird auch kein Sauerstoff im Körper freigesetzt, sondern ungebraucht ausgeschieden. Sportler, die ein Höhentraining unternehmen, setzen sich diesem Prozess aus. Der Gehalt an Sauerstoff ist in höheren Lagen gering. Schwimmer praktizieren das Anhalten der Luft permanent und haben einen niedrigen, stillen Puls. Der Yogi kann versuchen, durch entsprechendes Pranayama eine Erhöhung des Kohlendioxidgehalts im Körper zu erlangen, was schließlich einen günstigeren Effekt auf die Ausnutzung von Sauerstoffreserven im Körper hat. Im Yoga ist das Einatmen kleiner Portionen Luft sowie längeres Atemanhalten sowie das fokussierte Aushalten eines erträglichen Gefühls von Lufthunger seit jeher bekannt. Versierte Yogis können sogar den Schlag des Herzens anhalten, ohne zu sterben. Im Gegenteil: Ihre Lebenskräfte, d.h. das energetische Potential der Gewebe, Organe und Zellen, steigen. Inwieweit die Zwerchfellatmung als die eigentlich entspannende Atmungsmethode mit der Bowspring-Grundidee der Brustkorbatmung im Radiant Heart zusammengeht, werden wir zu klären haben.

Bowspring bedeutet immer eine Auseinandersetzung mit Glaubenssätzen, Konzepten und gesellschaftlichen Realitäten bis hin zu einer Grenze, die für manchen unaushaltbar ist. Bowspring ist permanenter Fauxpas. So sind nach Buteyko Asthmaanfälle ein Garant für ein langes und gesundes Leben (!), da hier die Aufnahme von Sauerstoff durch einen Bronchospasmus verringert wird und der Kohlendioxidgehalt wieder steigen darf, der durch Hyperventilation zu kräftig abgeatmet war. Ein Fauxpas – ähnlich der bewusst hergestellten Kurvatur im Bowspring..

Wir werden entsprechende Übungen trainieren, die unser Atemverhalten analysieren und ggf. abändern, d.h. die Hyperventilation (das verstärkte Einatmen) verringern.

 

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